Begriffsklärung Kunstkontext

Kunst als imaginäre Perspektive auf Information, Symmetrie und Kosmos. Eine Erweiterung naturwissenschaftlicher Beschreibung durch eine phänomenologische Sichtweise.

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Eine imaginäre Perspektive auf Information und Kosmos

Die folgenden Überlegungen verstehen sich nicht als Gegenmodell zur Naturwissenschaft. Die mathematische Physik, Thermodynamik, Informationstheorie und Evolutionsbiologie bilden weiterhin die Grundlage der Beschreibung physikalischer Prozesse.

Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass jede Beobachtung der Wirklichkeit durch einen Wahrnehmungsrahmen erfolgt. Die moderne Naturwissenschaft entwickelte dabei eine außerordentlich erfolgreiche Methode: die Reduktion komplexer Wirklichkeit auf messbare, reproduzierbare und mathematisch beschreibbare Zustände.

Diese Methode ermöglichte die Entwicklung moderner Technologie, digitaler Kommunikation und künstlicher Informationssysteme. Sie beschreibt jedoch primär den berechenbaren Anteil der Information.

Wir schlagen daher eine zusätzliche Perspektive vor: eine imaginäre Sichtweise auf Information.

Der Begriff „imaginär“ ist dabei nicht im Sinne von „unwirklich“ gemeint. Analog zu imaginären Zahlen in der Mathematik bezeichnet er eine Erweiterung des bestehenden Beschreibungsraums.

Während die Naturwissenschaft überwiegend mit dem reellen Anteil der Information arbeitet — also mit messbaren Zuständen, Wahrscheinlichkeiten, Energien und Strukturen — beschäftigt sich die Kunst traditionell mit jenen Anteilen, die sich nicht vollständig objektivieren lassen:

  • subjektive Bedeutung,
  • emotionale Resonanz,
  • Traum,
  • symbolische Verdichtung,
  • kulturelle Wahrnehmung,
  • innere Zeitlichkeit.

In dieser Perspektive erscheint Kunst nicht als Illustration wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern als eigenständige Methode der Wirklichkeitsbeobachtung.

Zum Begriff „Drang“

Der Begriff „Drang“ wird hier nicht biologisch oder psychologisch verstanden. Gemeint ist weder Wille noch Absicht noch Bewusstsein.

Der Begriff dient vielmehr als sprachliche Annäherung an beobachtbare physikalische Tendenzen zur Selbstorganisation unter Energiefluss.

In präziser naturwissenschaftlicher Sprache würde man eher sprechen von:

  • Symmetriebildung,
  • Attraktoren,
  • Minimierungsprinzipien,
  • Selbstorganisation,
  • dissipativen Strukturen,
  • emergenter Ordnung,
  • Stabilitätszuständen.

Wenn im weiteren Verlauf von einem „Drang zur Symmetrie“ gesprochen wird, ist damit keine teleologische Kraft gemeint, sondern die Beobachtung, dass unter bestimmten Bedingungen aus Energieflüssen spontan strukturierte Zustände entstehen können.

Der Ausdruck „Drang“ bleibt dennoch bewusst erhalten, weil er eine phänomenologische Ebene anspricht, die in rein mathematischen Beschreibungen häufig verloren geht.
Informationsentfaltung

Der Begriff „Informationsentfaltung“ beschreibt die Annahme, dass Information nicht bloß statisch gespeichert oder übertragen wird, sondern sich prozesshaft in Raum, Zeit und Struktur manifestiert.

Diese Formulierung versteht Information nicht ausschließlich im Sinn der klassischen Informationstheorie nach Claude Shannon, in der Information primär als statistische Auswahl möglicher Zustände definiert wird.

Informationsentfaltung bezeichnet vielmehr die fortlaufende Bildung komplexer Strukturen:

  • in physikalischen Prozessen,
  • in biologischer Evolution,
  • in kultureller Entwicklung,
  • in technischen Systemen,
  • und möglicherweise auch in Formen künstlicher Informationsverarbeitung.

Der Begriff enthält dabei keine Aussage über ein Ziel oder einen Zweck des Universums. Er beschreibt lediglich die Beobachtung, dass sich unter Energiefluss immer wieder neue Organisationsformen ausbilden.

Diskrete Systeme

Ein mögliches Missverständnis des Begriffs „Informationsentfaltung“ besteht in der Annahme, dass er zwingend auf einer klassischen biologischen Evolution oder auf kontinuierlichen analogen Prozessen beruhen müsse.

Dies ist jedoch nicht notwendigerweise gemeint.

Das vorliegende Modell bleibt kompatibel mit der Möglichkeit, dass das Universum grundlegend diskret organisiert ist.

Diskrete Zustandsübergänge: - Quantenereignisse - neuronale Schaltzustände - molekulare Interaktionen - digitale Prozesse - informationslogische Strukturen - möglicherweise sogar die Raumzeit selbst

Biologische Systeme wären aus dieser Perspektive keine Ausnahme der Diskretheit, sondern hochkomplexe Organisationen diskreter Informationszustände.

Selbst das menschliche Gehirn, inklusive Erinnerung und Wahrnehmung, könnte letztlich auf diskreten Prozessen beruhen und nicht auf kontinuierlichen analogen Flüssen.

Die Begriffe „Drang“ und „Informationsentfaltung“ versuchen daher nicht, Physik durch Metaphysik zu ersetzen.

Sie fungieren vielmehr als beobachtende und kulturelle Perspektiven auf dieselben zugrunde liegenden Prozesse.

In naturwissenschaftlicher Sprache würde man eher sprechen von:

  • Attraktoren,
  • Symmetriebildung,
  • Selbstorganisation,
  • statistischen Übergängen,
  • Energie-Minimierung,
  • oder emergenter Ordnung.

Der Begriff „Drang“ bleibt dabei hilfreich, weil er die erfahrbare Intuition bewahrt, dass Wirklichkeit prozesshaft, gerichtet und strukturell evolvierend erscheint, selbst wenn das zugrunde liegende Substrat vollständig diskret organisiert ist.

Kunst als Perspektivenwechsel

Die abstrakte Kunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts kann in diesem Zusammenhang als früher Perspektivwechsel gelesen werden.

Künstlerinnen und Künstler wie Kazimir Malevich oder Hilma af Klint entfernten sich von der Darstellung äußerer Objekte und begannen stattdessen, Beziehungen, Felder, Spannungen und unsichtbare Strukturen sichtbar zu machen.

Damit entstand eine Form der Wahrnehmung, die nicht mehr primär objektbezogen war, sondern strukturbezogen.

Komplexe Information: I = a + i b a = reeller Anteil Daten, Statistik, Wahrscheinlichkeit, Berechnung i b = imaginärer Anteil Bedeutung, Traum, Resonanz, Symbolik, Erfahrung

Die Kunst eröffnete damit möglicherweise bereits jene Abstraktion der Information, die später in Physik und Informationstheorie mathematisch formuliert wurde.

Kunst könnte damit nicht nur kulturelle Produktion sein, sondern ein experimenteller Wahrnehmungsraum für neue Modelle von Information, Realität und Kosmos.
Anschlussstellen zur informationsbasierten Physik

Mehrere moderne theoretische Ansätze der Physik untersuchen die Möglichkeit, dass Wirklichkeit auf grundlegenden diskreten oder informationsbasierten Strukturen beruhen könnte.

Diese Verweise dienen als theoretische Anschlussstellen. Die Begriffe „Drang“ und „Informationsentfaltung“ verstehen sich dabei nicht als Ersatz physikalischer Formalismen, sondern als kulturelle und phänomenologische Erweiterung der Beobachtung.