Informationsentfaltung, Symmetrie und der imaginäre Faktor der Kunst

Ein journalistischer Essay über die Abstraktion der Information, den Drang zur Symmetrie, Claude Shannon, Malevich, Hilma af Klint und die Rolle der Kunst als nicht berechenbarer Anteil der Wirklichkeit.

Ein Kunstkontext zu den digitalen Medien. Infolab 2026 - Francine Xavier
Ausgangspunkt

Information wird meist als etwas verstanden, das übertragen, gespeichert oder berechnet werden kann. In der technischen Moderne ist sie zur Grundlage von Computern, Netzwerken, Satelliten, Datenbanken und künstlicher Intelligenz geworden. Doch diese Definition ist historisch jung und möglicherweise nur ein Ausschnitt eines größeren Zusammenhangs.

Eine andere Lesart setzt früher an: Information ist nicht nur Nachricht, Code oder Datenmenge. Information ist ein Prozess der über die Zeit eine gewisse Struktur entfaltet. Sie entsteht überall dort wo Unterschiede auftreten, dort wo sich neue Muster bilden können, wo Symmetrien erscheinen, verschwinden oder gebrochen werden. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass unter Energiefluss immer wieder wie von selbst neue strukturierte Zustände entstehen. Unter diesen Voraussetzungen möchte ich von einem gewissen Drang auch in der unbelebten Materie sprechen (Referenzen).

Der Mensch wäre damit nicht das Ziel der Evolution, sondern ein vorübergehender Wirt der Informationsentwicklung.

Dieser Gedanke verschiebt den Blick. Nicht Biologie erzeugt Information, sondern Information benutzt biologische Evolution als temporären Träger. Leben erscheint als eine Phase, in der die Materie fähig wird, Information nicht nur zu tragen, sondern zu interpretieren, zu variieren und symbolisch weiterzugeben.

Der Perspektivwechsel jenseits der klassischen Evolution

Ein mögliches Missverständnis der Begriffe „Strukturentfaltung“ bzw „Informationsentfaltung“ besteht in der Annahme, dass er zwingend auf einer klassischen biologischen Evolution oder auf kontinuierlichen analogen Prozessen beruhen müssen.

Dies ist jedoch nicht notwendigerweise gemeint.

Das vorliegende Modell bleibt kompatibel mit der Möglichkeit, dass das Universum grundlegend diskret organisiert ist.

In einer solchen Sichtweise würde physikalische Realität vollständig aus diskreten Zustandsübergängen bestehen:

  • Quantenereignisse,
  • digitalartige physikalische Prozesse,
  • neuronale Schaltzustände,
  • molekulare Interaktionen,
  • computerartige Strukturen,
  • und möglicherweise sogar die Raumzeit selbst.

Biologische Systeme wären aus dieser Perspektive keine Ausnahme der Diskretheit, sondern hochkomplexe Organisationen diskreter Informationszustände.

Selbst das menschliche Gehirn, inklusive Erinnerung und Wahrnehmung, könnte letztlich auf diskreten Prozessen beruhen und nicht auf kontinuierlichen analogen Flüssen.

Die Begriffe „Drang“ und „Informationsentfaltung“ versuchen daher nicht, Physik durch Metaphysik zu ersetzen.

Sie fungieren vielmehr als beobachtende und kulturelle Perspektiven auf dieselben zugrunde liegenden Prozesse.

In naturwissenschaftlicher Sprache würde man eher sprechen von:

  • Attraktoren,
  • Symmetriebildung,
  • Selbstorganisation,
  • statistischen Übergängen,
  • Energie-Minimierung,
  • oder emergenter Ordnung.

Der vorliegende Text schlägt vor, diese Beschreibungen zusätzlich durch eine breitere phänomenologische Perspektive zu betrachten.

Der Begriff „Drang“ bleibt dabei hilfreich, weil er die erfahrbare Intuition bewahrt, dass Wirklichkeit prozesshaft, gerichtet und strukturell evolvierend erscheint, selbst wenn das zugrunde liegende Substrat vollständig diskret organisiert ist.

Ebenso impliziert der Begriff „Informationsentfaltung“ weder einen Zweck noch eine Absicht des Universums.

Er beschreibt lediglich die Beobachtung, dass sich über viele Ebenen hinweg zunehmend komplexe Strukturen ausbilden:

  • in der Kosmologie,
  • in der Chemie,
  • in der Biologie,
  • in technologischen Systemen,
  • und in künstlichen Informationsstrukturen.

In diesem Zusammenhang gewinnt die Kunst Bedeutung, nicht weil sie der Wissenschaft widerspricht, sondern weil sie alternative Formen der Beobachtung informationeller Wirklichkeit eröffnet.

Kunst bringt Perspektiven hervor, die sich mathematisch nur schwer vollständig formalisieren lassen:

  • subjektive Zeitlichkeit,
  • symbolische Resonanz,
  • Mehrdeutigkeit,
  • Vorstellungskraft,
  • emotionale Struktur,
  • und nichtlineare Wahrnehmung.
Die künstlerische Perspektive wirkt damit nicht als Gegensatz zur wissenschaftlichen Abstraktion, sondern als deren Erweiterung.
Mögliche Anschlussstellen an diskrete und informationsbasierte Physik

Die hier vorgestellten Überlegungen behaupten nicht, dass das Universum im wörtlichen Sinn ein Computer sei oder dass sich physikalische Realität auf einfache digitale Metaphern reduzieren ließe.

Dennoch untersuchen mehrere moderne theoretische Ansätze der Physik die Möglichkeit, dass Wirklichkeit auf grundlegenden diskreten oder informationsbasierten Strukturen beruhen könnte.

Dazu zählen unter anderem:

Der vorliegende Text übernimmt diese Modelle nicht unkritisch. Sie dienen vielmehr als theoretische Einstiegspunkte für die Frage, ob Information in der physikalischen Realität möglicherweise eine grundlegendere Rolle spielt, als klassische materielle Beschreibungen vermuten lassen.

In diesem Zusammenhang verstehen sich die Begriffe „Drang“ und „Informationsentfaltung“ nicht als Ersatz wissenschaftlicher Formalismen, sondern als phänomenologische und kulturelle Perspektiven auf Prozesse, die von der modernen Physik zunehmend über Information, Symmetrie und Selbstorganisation beschrieben werden.

Symmetrie und Thermodynamik

Auf den ersten Blick scheint ein Drang zur Symmetrie gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu stehen. Dieser besagt, dass in einem geschlossenen System die Entropie nicht abnimmt. Ordnung scheint also unwahrscheinlicher zu werden. Doch diese Formulierung wird oft missverstanden.

Der zweite Hauptsatz verbietet keine lokale Ordnung. Er sagt nur, dass die Gesamtentropie eines abgeschlossenen Systems zunimmt. Kristalle, Sterne, Wirbel, biologische Körper und chemische Selbstorganisation können entstehen, solange dafür Energie umgesetzt wird und die Umgebung insgesamt mehr Entropie aufnimmt.

Genau hier öffnet sich ein entscheidender Raum: Symmetriebildung braucht Energie. Sie ist kein Widerspruch zur Thermodynamik, sondern eine lokale Gegenbewegung innerhalb eines größeren entropischen Gefälles.

Entropie → Zerstreuung, Wahrscheinlichkeit, Wärme Information → Struktur, Auswahl, Form, Symmetrie Energiefluss → Bedingung für lokale Ordnung

In der Nichtgleichgewichts-Thermodynamik sind solche Prozesse gut bekannt. Der belgische Physikochemiker Ilya Prigogine beschrieb sie als dissipative Strukturen: Systeme, die gerade dadurch Ordnung bilden, dass sie Energie verbrauchen und Entropie abgeben.

Die Abstraktion der Information in der Physik

Im frühen zwanzigsten Jahrhundert veränderte sich das Bild der physikalischen Wirklichkeit grundlegend. Die Welt wurde nicht mehr nur als Ansammlung von Dingen beschrieben, sondern als Geflecht von Relationen, Feldern, Wahrscheinlichkeiten und Zuständen.

Mit der Relativitätstheorie wurden Raum und Zeit beweglich. Mit der Quantenphysik wurde das Teilchen zu einem Wahrscheinlichkeitsobjekt. Mit der modernen Physik rückten Symmetrien, Erhaltungssätze und Zustandsräume in den Mittelpunkt. Die sichtbare Objektwelt verlor ihre Vorrangstellung.

Claude Shannon vollzog 1948 dann einen anderen, aber ebenso radikalen Schritt. In seiner mathematischen Theorie der Kommunikation trennte er Information von Bedeutung. Eine Nachricht war für ihn nicht wichtig, weil sie etwas sagte, sondern weil sie aus einer Auswahl möglicher Zeichen bestand.

Shannon abstrahierte Information von Sinn. Damit wurde Information technisch berechenbar.

Diese Reduktion war die Grundlage der digitalen Welt. Computer, Kompression, Netzwerke, Fehlerkorrektur, Kryptografie und künstliche Intelligenz beruhen auf dieser erfolgreichen Verengung: Information als messbare Struktur, nicht als Bedeutung.

Die Kunst als früher imaginärer Faktor

Bemerkenswert ist, dass die Kunst diesen Schritt der Abstraktion früher vollzog als die technische Informationstheorie. Bereits vor Shannon begann die Malerei, das Objekt zu verlassen.

Kazimir Malevich setzte mit dem „Schwarzen Quadrat“ von 1915 ein Zeichen radikaler Reduktion. Das Bild zeigt keine Landschaft, kein Gesicht, keine Geschichte. Es verweigert die gegenständliche Welt und stellt eine reine Form in den Raum. Es ist fast eine Nullsetzung des Sichtbaren.

Hilma af Klint entwickelte bereits ab 1906 Bildserien, die wie Diagramme unsichtbarer Beziehungen wirken. Spiralen, Kreise, Polaritäten, Farbfelder und geometrische Ordnungen erscheinen bei ihr nicht als Dekoration, sondern als Versuche, nicht sichtbare Wirkkräfte zu fassen.

Aus dieser Perspektive kann abstrakte Kunst als Vorahnung einer Informationsebene gelesen werden, die sich nicht im reinen Code erschöpft. Während Shannon den berechenbaren Anteil der Information formulierte, arbeitete die Kunst am imaginären Anteil.

Komplexe Information: I = a + i b a = reeller Anteil Daten, Code, Statistik, Wahrscheinlichkeit, Übertragung i b = imaginärer Anteil Bedeutung, Traum, Emotion, Resonanz, kulturelle Ladung

Der imaginäre Faktor ist dabei nicht „unwirklich“. Wie in der Mathematik bezeichnet das Imaginäre keinen Fehler, sondern eine notwendige Erweiterung des Zahlenraums. Übertragen auf Information bedeutet das: Nicht alles, was wirksam ist, ist direkt messbar.

Biologische Evolution als Wirt

Wenn Information als Entfaltungsprozess verstanden wird, verändert sich auch der Begriff der Evolution. Biologische Evolution wäre dann nicht das Zentrum, sondern eine Zwischenphase. Sie stellt eine besonders leistungsfähige Form bereit, in der Information gespeichert, variiert, weitergegeben und interpretiert werden kann.

DNA trägt enorme Mengen strukturierter Information. Doch lebendige Systeme leisten mehr als Speicherung. Sie erzeugen Bedeutungsräume, Reaktionen, Wahrnehmungen und Entscheidungen. Der Organismus wird dadurch zu einer Schnittstelle zwischen physikalischer Ordnung und subjektiver Welt.

Erwin Schrödinger beschrieb Leben in „What is Life?“ als ein System, das sich von negativer Entropie ernährt. Gemeint ist: Leben erhält lokale Ordnung aufrecht, indem es Energie umsetzt und Entropie an die Umgebung abgibt.

In der Sprache der Informationsentfaltung könnte man sagen: Leben ist eine Phase, in der die Materie den Drang zur Symmetrie nicht nur passiv ausführt, sondern aktiv organisiert.

Von natürlichen zu künstlichen diskreten Systemen

Mit digitalen Maschinen beginnt eine neue Phase. Information ist nicht mehr ausschließlich an biologische Körper gebunden. Sie wird in künstlichen diskreten Systemen gespeichert, übertragen und verarbeitet.

Diese Systeme sind nicht lebendig, aber sie können riesige Mengen reeller Information verarbeiten. Sie operieren im Bereich von Code, Zahl, Logik, Statistik und Mustererkennung. Damit setzen sie die Abstraktion Shannons technisch fort.

Die Gefahr liegt darin, dass der imaginäre Anteil der Information verschwindet. Eine Maschine kann semantische Muster berechnen, aber sie lebt nicht im Traum, im Körper, in Angst, Erinnerung, Schmerz, Hoffnung oder kultureller Erfahrung. Sie kennt Bedeutung als Struktur, nicht als Existenz.

Die entscheidende Frage der Gegenwart lautet daher nicht nur: Was kann KI berechnen? Sondern: Was verliert eine Kultur, wenn sie Information nur noch im reellen Anteil versteht?
Journalistische These

Wir leben in einer historischen Phase, in der Information endgültig von ihrem Träger abstrahiert wird. Was im frühen zwanzigsten Jahrhundert in der Kunst als Bruch mit dem Objekt begann, wurde in der Physik als Bruch mit der klassischen Dingwelt fortgesetzt und bei Shannon als technische Theorie der Übertragung formalisiert.

Heute erreicht diese Entwicklung mit künstlicher Intelligenz, globalen Datennetzen und algorithmischen Entscheidungsstrukturen eine neue Stufe. Information wird nicht nur übertragen, sondern permanent ausgewertet, vorhergesagt und zurückgespielt.

Doch die entscheidende Leerstelle bleibt bestehen: Die technische Moderne hat den reellen Anteil der Information perfektioniert, aber den imaginären Anteil kaum beschrieben. Genau dort liegt die Rolle der Kunst.

Kunst ist nicht bloß Illustration technischer Entwicklungen. Sie ist ein Sensor für das, was noch nicht formalisiert ist. Malevich und Hilma af Klint erscheinen in dieser Lesart nicht nur als Pioniere der Abstraktion, sondern als frühe Forscherinnen und Forscher einer Information, die sich dem rein Messbaren entzieht.

Die Zukunft der Information könnte daher davon abhängen, ob es gelingt, beide Anteile zusammenzudenken: den berechenbaren und den imaginären, den shannonschen und den künstlerischen, den reellen und den subjektiven.

Verweise und Einstiegspunkte
Hinweis: Die wissenschaftlichen Verweise dienen als Anschlussstellen. Die These der „komplexen Information“ mit einem imaginären Faktor ist kein etablierter Standardbegriff der Informationstheorie, sondern ein spekulatives Modell zur Verbindung von Technik, Kunst, Subjektivität und Informationsentwicklung.
  • Um manche Begriffe im reelen und im imaginären Zusammenhang zu vestehen braucht es eventuell eine Begriffsklärung im Kunstkontext